Wer ist eigentlich ... ?

David Bruder im Interview: "Beim Klettern fehlt heute oft die Demut"

Den Schalk im Nacken und das Eis vor der Nase: David Bruder ist für Kenner der Bayerischen Berg­szene kein Unbekannter. Mit Humor und kritischem Blick kletterte er fast bis zum Piolet d’Or – und alle Pause-Touren.

David Bruder im Interview.
© David Bruder

David Bruder im ALPIN-Interview

Klettern ist für mich … 

… die schönste Nebenbeschäftigung der Welt.

Im Winter findet man mich meistens …

… da, wo es kalt, steil und schattig ist.

<p>Kalt, steil und schattig? Check!</p>

Kalt, steil und schattig? Check!

© David Bruder

So richtig im Flow bin ich, wenn …

… eine Tour weder zu leicht noch zu schwer ist. Oft schaff‘ ich’s aber, Stress aufkommen zu lassen: Die Zeit drängt wegen (Familien-)Arbeit, die Tour ist anspruchsvoller als gedacht, es ist doch kalt im Winter…

Dein Traumseilpartner?

War Jesus Kletterer? Er ist immerhin in den Himmel aufgefahren bzw. aufgestiegen.

Das ist mit Abstand die kreativste Antwort, die ich bisher auf diese Frage bekommen habe. Reichen deine realen Seilpartner da heran?

Ich gehe nur noch mit Leuten, die ich mag. Also ja.

David Bruder über "Moderne Zeiten", die Berechtigung von Bohrhaken und Plaisir-Touren

Wo gräbst du deine Touren eigentlich aus? Du scheinst immer aufs Neue Routen zu finden, die vermutlich das letzte Mal bei ihrer Erstbegehung gemacht wurden.

(lacht) Zum einen gehen mir die die bekannten Sachen aus, zum anderen reizt mich, wenn ich mir die Infos einer Tour zusammenklauben muss. Ich lese viel in alten Führern und bin da wie ein Elefant. Alles, was mich interessiert kann ich mir hervorragend merken. So hat sich über die Zeit viel Wissen angesammelt, woraus wiederum viele Ideen entstanden sind.

Außerdem bin ich gerne regional unterwegs, das heißt ich muss kreativ werden. Weil: Fahrzeit ist immer keine Familienzeit. Weite Fahrten sind auch ökologisch nicht sinnvoll. Früher bin ich zum Teil 20.000 - 30.000 km pro Jahr fürs Bergsteigen gefahren, heute sind es vielleicht noch fünftausend.

<p>David am Croz Pfeiler in der Grandes-Jorasses-Nordwand.</p>

David am Croz Pfeiler in der Grandes-Jorasses-Nordwand.

© David Bruder

Du warst bis vor ein paar Jahren noch viel im Wilden Kaiser unterwegs. Zuletzt mehr im Karwendel. Wie kommt‘s?

Das Karwendel ist neben dem Kaiser einfach das Spektakulärste, das im "bayerisch-tirolerischen Hinterhof" so rumsteht. Ich habe zwei Kumpels, die man nicht überreden braucht für alpine Karwendeltouren. So kommt’s. Wir kletten da auch gerne im Winter und sogar an Bohrhaken …

Wie – Bohrhakentouren? Ich dachte, du gehst aus Prinzip nur cleane Routen.

Naja, das wäre zu hart. Aber meine Beziehung zu Bohrhaken ist tatsächlich ambivalent. Grundsätzlich habe ich bei meinen Kletteranfängen im Schwarzwald mit mehr oder weniger abgesicherten Touren angefangen. Und natürlich war ich um jeden froh. Dann bin ich in die Pfalz gewechselt und habe festgestellt, dass es auch ohne geht.

<p>Nordwände und Pause-Touren: Da kann David selten widerstehen. Hier in der Matterhorn-Nordwand.</p>

Nordwände und Pause-Touren: Da kann David selten widerstehen. Hier in der Matterhorn-Nordwand.

© David Bruder

Also von daher: Bohrhaken haben ihre Berechtigung und wenn ich einen finde, nehme ich ihn auch. Inzwischen sammle ich Touren aus "Moderne Zeiten", oft anspruchsvolle, neo-klassische BH-Routen. Bei Erstbegehungen finde ich es angebracht, den gebietsüblichen Stil beizubehalten. Ganz schwierig wird's, wenn alte Routen "überbohrt" werden - da hat der Spaß ein Loch.

Hast du das Gefühl, dass der Trend mehr zum Einrichten von Plaisirtouren geht?

Ich beobachte zwei Trends: Da gibt es eine junge Generation, die gerne puristisch klettert und sogar der ehrwürdige VDBS biete eine (cleane) Risskletterfortbildung an. Im Granit oder Sandstein geht das auch sehr gut – find‘ ich prima. Im heimischen Kalk gibt’s viele moderne, gute gesicherte Routen, und es kommen immer mehr dazu - klar, klassisch absicherbare Linien sind rar, schon gemacht (und saniert) oder eben vogelwild.

Was bei Felsrouten noch Sinn macht, ist bei Mixedrouten zumindest fragwürdig: Ist der zwingende BH unter Schnee und Eis versteckt, "guckst" du blöd. Dass auch hier immer mehr BH "sprießen", kann ich mir nur teilweise mit fehlender Übung im traditionellen Handwerk oder Mut und Moral erklären: eher scheint "Wiederholbarkeit" und damit "Sichtbarkeit" ein großes Thema zu sein. Was fehlt, ist die Demut, auch mal abzuwarten oder etwas sein zu lassen. Damit das Abenteuer, das wir doch eigentlich suchen, erhalten bleibt.

<p>Die Erstbegehung im Karwendel brachte David Bruder und Martin Feistl eine Erwähnung beim Piolet d'Or ein.</p>

Die Erstbegehung im Karwendel brachte David Bruder und Martin Feistl eine Erwähnung beim Piolet d'Or ein.

© David Bruder

Hast du auch selbst Routen eingebohrt? 

Nein. Das hat mich nie gereizt, der BH tötet das Abenteuer (soweit die moralische Begründung, hedonistischer: BH setzen ist mir zu doof). Meine Erstbegehung in Peru an der Nordwand des Ocshapalca (5881 m) war etwas Besonderes. Blieb Jahrzehnte unbeachtet, und am selben Tag kamen zwei Teams daher.

Hier in den Voralpen, z. B. am Plankenstein, habe ich einige schöne Eisrouten eröffnet, praktisch vor der Haustür. Mit Martin Feistl habe ich im Winter 2020 eine Tour in der Grubenkarspitze-Nordwand erstbegangen [Anm. d. Red. Stalingrad, M8 /WI7, 1000 m], dafür haben wir sogar eine Erwähnung beim Piolet d’Or bekommen. Ich weiß bis heute nicht genau, was das eigentlich bedeutet. Aber ich finde es cool! (lacht)

David Bruder über die schönsten Kaisertouren und falsche Entscheidungen

Welche war deine schönste Kaisertour?

Nehmen wir doch einfach die, die ich schon mehrfach geklettert bin: Pause-Klassiker wie die "Südost-Verschneidung" an der Fleischbank (8-, 430 m, 10 SL) oder die "Dülfer" am Totenkirchl. Die sind ebenso fantastisch wie die "Pumprisse" (7, 285 m, 9 SL), DER moderne Klassiker und Startschuss für den siebten Grad im Gebirge.

Ähnlich gute und weitgehend cleane Kletterei bietet die "Potzblitz" (8-, 280 m, Anfang 80er). Das moderne, hochgelobte "Phantom" gegenüber ist tatsächlich "phantomastisch" schön. Und noch 1000 andere coole Sachen.

<p>Eine der liebsten Spielwiesen: David bei einer Klettertour im Wilden Kaiser.</p>

Eine der liebsten Spielwiesen: David bei einer Klettertour im Wilden Kaiser.

© David Bruder

Womit kann man dich am Berg so richtig nerven?

Mit Langsam-Sein.

Welches Erlebnis hat dich nachhaltig geprägt?

Der Lawinentod meiner damaligen Freundin war sicher das Einschneidendste. Es hat lange gebraucht, das zu verarbeiten, zu akzeptieren und mir selbst zu verzeihen. Ich war dabei, als sie verschüttet wurde und habe sie ausgegraben. Daran denke ich bis heute immer wieder. Gerade in den letzten Jahren gab es viele Unfälle, bei denen ich mich gefragt habe, ob es mir auch hätte passieren können.

Hatte ich nur Glück bisher? Oder habe ich etwas richtig gemacht? Meine Risikobereitschaft ist jedenfalls deutlich gesunken über die Jahre – oder umgekehrt: Meine Fähigkeit, gar nicht erst hohe Risiken einzugehen, ist besser geworden. Man spricht bei Unfällen gerne von "Pech" oder "Unglück", dabei liegt natürlich auch eine oder mehrere falsche Entscheidungen zu Grunde – und sei es die, an DEM Tag DA einzusteigen.

<p>Für David selbst ging das Bergsteigen bisher glimpflich aus. Die ein oder andere Schramme holte er sich natürlich auch.</p>

Für David selbst ging das Bergsteigen bisher glimpflich aus. Die ein oder andere Schramme holte er sich natürlich auch.

© David Bruder

Spitzenalpinismus war immer mit hohem Risiko verbunden: Gipfel oder Tod, manchmal eben letzteres. Das hat sich nicht grundlegend geändert: Potter, Steck, Lama, Auer, zuletzt der Luis… trotz mehr Wissen und besserer Ausrüstung, entgegen dem Trend zur Vollkaskosicherheitsgesellschaft. Der Selbstdarstellungswahnsinn auf Social Media mag dazu beitragen, dass auch in der Regionalliga mit höherem Einsatz gespielt wird. Die Phase hatte ich auch, da gehörte "stetige Dosissteigerung" quasi dazu. 

Wie bist du aus dieser Spirale wieder herausgekommen? 

Ich habe mich nochmal verliebt, geheiratet und drei weitere Kinder bekommen (lacht). Das hat mich wieder auf den Boden geholt. Wenn jemand behauptet, dass Abenteuer, Adrenalin und Erfolg nicht süchtig machen: Der ist nicht ehrlich zu sich selbst.

Diese Himmelsleitern können in ihrer Eleganz den Nordwänden durchaus das Wasser reichen:

David Bruder über influencende Bergsteiger und bergsteigende Influencer

Was hältst du von Bergsteigern, die zu Influencern geworden sind?

Ich habe sehr großen Respekt davor, wenn man sich so verkaufen kann. Immer medial etwas raushauen zu können, ist eine Leistung. Ich kann und will das nicht: Bin weder gut genug, um ehrlich mitzuspielen noch schmerzfrei genug, Mist für Gold auszugeben. Mich interessiert persönlich das Erlebnis.

<p>David steht Social Media auch als regelmäßiger "Poster" durchaus kritisch gegenüber.</p>

David steht Social Media auch als regelmäßiger "Poster" durchaus kritisch gegenüber.

© David Bruder

Wenn’s gut ankommt, ist das "nice to have", nicht mehr. Zu dem Thema "Risiko- Dosis- und Selbstwertsteigerung beim Bergsteigen" fand ich das Buch "Zwischen Flow und Narzissmus: Die Psychologie des Bergsteigens" von Manfred Ruoss erhellend und ernüchternd: Ich habe mich darin auch zum Teil wiedererkannt. Spoiler: Der Reinhold [Anm. d. Red. Messner] kommt nicht so gut weg. Und andere Helden auch nicht.

Glaubst du alpinen Influencern, dass sie die Touren wie gerne behauptet "nur für sich" machen?

Wer’s glaubt, wird selig. (lacht nicht)

David teilt seine Erlebnisse selbst gerne auf Instagram und Facebook. Soziale Medien betrachtet er dennoch kritisch:

David Bruder hat sie alle geklettert, über 100 Pause-Touren

Du hast 2023 als vielleicht Zweiter nach Sepp Gwiggner alle 100 Pausetouren (und auch die aus der Neuauflage) geschafft. Herzlichen Glückwunsch! Dein Fazit?

Danke. Schnee von gestern. Oder besser: Haken von gestern. (lacht)

Wie kamst du auf das Megaprojekt?

Alles reiner Zufall. Als ich die Aufnahme in den Expedkader versucht habe, bin ich durch Umwege zwar nicht dorthinein, aber zu einem neuen Tourenpartner gekommen. Für ihn gab es damals nur große Nordwände oder Pausetouren. Damit war das gesetzt.

<p>Für David haben alle Pause-Touren eins gemeinsam: Sie bieten alpines&nbsp;Abenteuer.</p>

Für David haben alle Pause-Touren eins gemeinsam: Sie bieten alpines Abenteuer.

© David Bruder

Das ist für dich zwischen zwei guten Optionen wählen, oder?

Genau! Viele waren mir am Anfang auch zu gruselig. Es hat Jahre gedauert, bis ich mich in die Lalidererwand oder die Matterhorn-Nordwand getraut habe.

Wenn du alle nochmal Revue passieren lässt: Haben die Touren etwas gemeinsam?

Sie sind alle geil. Und es gibt alles! Man kommt durch den Führer in viele schöne Ecken der Alpen.

Welche Tour war am gruseligsten?

Der überhängenden Gneis am Olan (Nordwestwand, Couzy/Demaison), da schüttelt es mich jetzt noch. Beim Hakenschlagen wurden die Risse immer breiter und dann fällt der Fels auseinander. Super …

<p>Gruselfaktor am Olan.</p>

Gruselfaktor am Olan.

© David Bruder

Wie ist dein Verhältnis zum Stürzen?

Unentspannt: in der Halle geht’s, beim Sportklettern fällt‘s mir schon schwer. Ich muss mich zwingen. Alpin sowieso: Eher klettere ich technisch oder wieder ab. Manchmal fiel allerdings schon ein David - und der eine oder andere Haken gleich mit. Aber ich vermeide es, so gut ich kann.

Du bist auch Bergführer: Beruf, Berufung oder Hobby?

Das war wahrscheinlich schon immer Hobby. Wenn ich führe, dann nur Sachen, auf die ich auch Bock habe.

Wenn du nicht am Berg bist, verbringst du die Zeit mit deiner Familie. Bist du mit deinen vier Töchtern auch viel am Berg?

Nicht so viel, wie ich gerne würde. Die Mädels sind sehr unterschiedlich in ihren Interessen. Aber wir machen immer wieder etwas zusammen. Kaiserschmarrn auf der Hütte funktioniert. Oder ein Filmabend daheim – mit selbstgemachten Pommes.

Deine berühmten letzten Worte?

Ich hab‘ mich noch nicht entschieden … Da "mehr Licht" schon vergeben ist, wie wär’s mit "Mach‘s Licht aus"? Oder wenn ich mich selbst zitieren soll: "In den Bergen sucht der Alpinist die Freiheit, sich möglichst gediegen grade doch nicht umzubringen".

<p>Berühmte letzte Worte kennt David offenbar so einige. </p>

Berühmte letzte Worte kennt David offenbar so einige. 

© David Bruder

Oder geklaut vom Oberhauptalpinist: "Talent und Training sind Mord am Unmöglichen". Wobei lieber dem Reinhart als dem Reinhold das Wort im Mund rumdrehen, der kann sich nicht mehr wehren: "Wirklich oben bist Du nie… und dann musst immer noch runter".

Immer passend ist der zeitlose Spruch vom Oswald Martin (woher auch immer geklaut): "Wenn der Alpinist nicht mehr weiterkommt, baut er einen Stand oder macht einen Quergang". Nach meinem Vorbild hättest du noch fragen können.

Wieso, hast du eins?

Nö. (lacht)

Text von Lubika Brechtel

2 Kommentare

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Alex

Sehr sympathisches Interview. Danke.

jonsen

Sehr symphatisch und ein begnadeter Texter noch dazu. Verfolge gerne seine Geschichten auf Insta.